(I Did It) Nor Way

Im „Den Gode Nabo“ sieht es aus wie in einem alten Segelschiff: Auf krummen Holzdielen stehen wahllos zusammengewürfelte getischlerte Stühle und Tische, Petroleumlampen hängen von den niedrigen Decken. An den Wänden sind Taue, alte Schwarz-Weiß-Fotos und Einrichtungsgegenstände wie ein gusseisernes Waffeleisen befestigt. Der Gute Nachbar ist ein Jahrhunderte altes Pfahlhaus an der Nidelva. Direkt neben ihm verbindet die Gamle Bybru, also die alte Stadtbrücke, die Halbinsel der Trondheimer Altstadt mit dem Festland. Sebastian kommt mit zwei Bier von der Bar. Er trägt eine randlose Brille und einen warmen Norwegerpullover, im Gesicht sprießt ein dunkelblonder Bart. Für unsere Getränke hat er gerade zusammen 180 Kronen gezahlt, das sind etwas mehr als 22 Euro. Plus Trinkgeld.

Dahls, das Trondheimer Hausbier © David Ehl

Essen aus dem Supermarktcontainer

Als wir den „Gode Nabo“ verlassen, hat sich der Himmel bis auf einen blauen Schimmer am nördlichen Horizont verdunkelt. Dunkler wird es Anfang Mai in Trondheim auch nicht mehr. Um von der Nidelva zurück zum Studentenwohnheim zu kommen, müssen Sebastian, Jochen und ich etwa 90 Höhenmeter erklimmen. Jochen schiebt sein in die Jahre gekommenes Mountainbike den Sigurd Slembes Veg hoch. Unterwegs erzählt er: „Vielleicht gehe ich gleich noch eine Runde dumpstern.“ Er spricht von „Dumpster Diving“, in Deutschland besser als „Containern“ bekannt. Das nächtliche Einsteigen in Supermarktcontainer, in denen sich meist zahlreiche genießbare Lebensmittel befinden, wird in Norwegen schon fast für ökonomischen Notwendigkeit. Zumindest für diejenigen, die wie Erasmus-Studenten nicht über das Budget eines norwegischen Nettoeinkommens verfügen. Dementsprechend ist Dumpstern unter Studenten, die mit dem Erasmus-Programm ins Land kommen, weit verbreitet.

Kaum ein Land auf der Welt hat derart hohe Lebenshaltungskosten wie Norwegen. Das beginnt bereits bei der Mehrwertsteuer von 25 Prozent. Grundnahrungsmittel kosten bis zu 20 Prozent mehr, Genussmittel auch gerne bis zum doppelten Preis. „Mal sehen, ob ich es schaffe, erst in Deutschland wieder zum Friseur zu gehen“, kommentiert Sebastian seine mittlerweile halblangen Haare. Aus der Heimat hatte ich ihm Schokolade und Zahnpasta mitgebracht, aus dem Duty-Free-Shop des Trondheimer Flughafens norwegisches Dosenbier und amerikanischen Whisky.

Über Erasmus-Studenten herrscht das Vorurteil, dass sie während ihres Auslandsaufenthaltes sehr viel mehr feiern als studieren. Dem steht in Norwegen neben dem ohnehin hohen Preisniveau eine saftige Alkoholsteuer von 415 Kronen pro Liter reinem Alkohol (ca. 50 Euro) entgegen. Lediglich Island verlangt eine noch höhere Steuer. Ohnehin darf Alkohol nur an Wochentagen bis 20 Uhr – an Samstagen sogar bis 18 Uhr – verkauft werden. Alles, was über 4,5 Volumenprozent enthält, ist sogar nur in lizensierten „Vinmonopolet“-Läden erhältlich.

Die Pfahlhäuser an der Nidelva © David Ehl

Alkohol ist auch nicht alles

Not macht erfinderisch, also lassen sich die Studenten von ihren kontinentaleuropäischen Besuchern zollfreien Alkohol mitbringen. Das reicht natürlich bei weitem nicht, und so experimentieren viele mit selbst hergestelltem Alkohol herum. Selbst brennen ist natürlich verboten, aber unter Studenten ähnlich angesehen wie Dumpstern. Die meisten probieren sich jedoch in eigenem Wein – mit Hefe und Früchten aus dem Supermarkt. Die ökologische Sinnhaftigkeit lässt sich durchaus in Frage stellen. Studentengruppen haben meist eigene Bierbeauftragte, die für alle Mitglieder brauen.

Unbenannt

Und sieht man über die Alkoholthematik einmal hinweg, bietet Norwegen seinen (Gast-) Studenten eine Menge: Der Sportverein NTNUI der Trondheimer Universität etwa besitzt 24 Hütten im weiteren Trondheimer Umland, die zu einem Unkostenbeitrag gemietet werden können. Sie liegen fernab der Zivilisation, geheizt wird mit Holzöfen. Jede Gruppe muss am Ende ihres Aufenthalts so viel Holz ofengerecht spalten, wie sie zuvor verbrannt hat. Wasser kommt aus Bächen, im Winter kann man auch Schnee schmelzen. Strom benötigt hier draußen eh niemand, dafür gibt es in den Cabins Liegen mit Matratzen, alle wichtigen Küchenutensilien, etwas Werkzeug und eine Gitarre.

Mit Sebastian, David (der an dieser Stelle darüber geblogt hat) und Marcel war ich zwei Tage zu einem Cabin Trip auf einer Hütte namens Telin. Dort trafen wir vier junge Niederländer, von denen eine ebenfalls in Trondheim studierte. Wir wanderten, fuhren Ski, kochten auf dem Holzofen, spuckten zum Teil sogar Feuer und hatten mit vollkommen Fremden einen großartigen Abend inmitten der verschneiten norwegischen Wildnis. Und eben das stellt den ganz speziellen Reiz für Studenten dar, ihr Auslandssemester ausgerechnet in Trondheim zu verbringen. Hier draußen fallen alle finanziellen Argumente sofort unter den Tisch.

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