Ein Zelt in der Stadt

Die Stadt schaut hin – das ist unübersehbar. Die Stadt sagt was sie denkt, sie schreit es heraus. Die Straßenlaternen, Fassaden, Schaufenster ganzer Straßenzüge treten ganz entschieden für die Rechte einer Minderheit ein. Die Stadt scheint wie mit einer Stimme zu sprechen. Und doch ist alles nicht so einfach, wie es sein könnte.

Am Steindamm, in Sichtweite des Hauptbahnhofs, haben sie ein weißes Mannschaftszelt aufgestellt. Lampedusa in Hamburg nennen sie ihre Gruppe. Ihr gehören etwa 385 Männer aus zahlreichen afrikanischen Ländern an. Sie alle waren als Gastarbeiter in Libyen, als 2011 dort ein Bürgerkrieg ausbrach, in dem sich auch die NATO beteiligte. Der Krieg trieb sie an die Küste, und auf meist überfüllten Booten gen Europa. Sie landeten auf der italienischen Insel Lampedusa, wo ihnen Reisepapiere gegeben wurden. Jetzt sind sie in Hamburg, und seit April 2013 leben sie dort auf der Straße. Eine wichtige Anlaufstelle ist dieses Zelt mit seiner stickigen, verbrauchten Luft, in der zusammengewürfelte Stühle und Bänke etwas Raum bieten. Der hintere Teil ist durch einen Vorhang abgetrennt; dahinter schläft ein Mann auf einer Bierbank.
Das Zelt am Steindamm ist provisorischer Wohnort für einige; vor allem ist es jedoch Schaltzentrale. Ein etwa vierzig Jahre alter Mann in Bluejeans und Weste (Name und Herkunft tun hier nichts zur Sache) erklärt die wesentlichen Ziele der Gruppe: Sie kämpfen für ihre Arbeitserlaubnis in Deutschland. Er betont besonders, dass niemand die Sozialsysteme ausnutzen wolle, sondern die Männer einfach nur wieder ihrer gelernten Arbeit nachgehen wollen. Die Gruppe sinnt auf eine unbürokratische Lösung – bisher war Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz zu keinem Gespräch bereit. Dabei sei Deutschland als NATO-Staat nach der Bombardierung Libyens in der Bringschuld.

im Zelt am Steindamm © David Ehl

Zwischen den Sätzen schwingt jede Menge Frustration mit. Über diesen Kampf gegen Windmühlen, deren Flügel einen hypnotisieren, wenn man lange genug hinschaut. Der Traum eines behüteten Lebens ist bitterkalten Nächten und ebenso bitterer Enttäuschung gewichen. Ein Mann in einem roten Hemd redet sich spürbar in Rage. Boko Haram sei eine Erfindung des Westens, um Nigeria zu täuschen, destabilisieren und zu zerstören, brüllt er. Die Regierungen der reichen Nationen handelten nach wie vor nach den rassistischen Denkmustern des Kolonialismus.

Und die Hamburger? Reichen den Flüchtlingen die Hand. Eine Hartz-IV-Empfängerin erzählt, sie komme jeden Tag zum Zelt, irgendwas Sinnvolles müsse sie schließlich mit ihrer Zeit anfangen. Sie stellt, was am Nötigsten gebraucht wird – ob Kleidung, Lebensmittel, Schlafplätze in ihrer Wohnung oder einfach Zeit und zwei offene Ohren.

Verschiedene Kirchen haben Wohncontainer auf ihren Grund gestellt. Bekannte Hamburger Künstler haben die Plakatkampagne Wir sind Lampedusa initiiert. Schüler und Lehrer haben schon gemeinsam gestreikt, St. Pauli-Fans haben nach einem Fußballspiel eine Kundgebung veranstaltet. Hamburg bringt Solidarität entgegen und geht für die Flüchtlinge auf die Straße. Die Stadt schaut nicht weg.

Transparent am Schulterblatt © David Ehl

2 thoughts on “Ein Zelt in der Stadt

  1. Boko Haram sei eine Erfindung des Westens, um Nigeria zu täuschen, destabilisieren und zu zerstören, brüllt er.

    Ja, so einen entspannten Zeitgenossen kann Deutschland bestimmt gut gebrauchen…

    1. Es gibt in Deutschland Menschen, die trotz freien Medienzugangs ähnlich absurde politische Ideen haben. Und das, ohne monate-/jahrelang unter miesesten Bedingungen mit Menschen ähnlicher Lage zusammengepfercht worden zu sein…

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