Die Tür aus den Angeln

Der Hof. Über den Maschen eines Drahtgitters, das mit festen Streben verstärkt ist, beginnt die Freiheit. Sie wird in alle vier Richtungen begrenzt von sechs Stockwerke hohen Mauern. Gefangene des KGB durften den Innenhof nur alle zehn Tage für 15 Minuten betreten. „Hier war der einzige Ort, an dem sie daran erinnert wurden, dass es ein Leben jenseits der Mauern gab“, erzählt Mārtiņš Zvīdriņš. Ab und an wogte sogar das Geläut der wenige hundert Meter entfernten Sankt-Gertrude-Kirche zu den Gefangenen herüber. Die Tschekisten achteten jedoch penibel darauf, dass die Gefangenen im Hof nur wenig Freiheit genossen. „Im Winter wurde der Schnee weggeräumt, damit ein Insasse keine Nachrichten für den nächsten verstecken konnte“, erklärt Zvīdriņš. Heute verfärben Algen und Moos die Wände, und auch die unter lettischer Ägide installierte Überwachungskamera hat an ihrer Oberseite einen sattgrünen Film angesetzt.

Das Bad. Vor den altrosa bedruckten Kacheln laufen matte Metallrohre, die in spartanischen Duschköpfen münden. Über dem Fliesenspiegel bröckelt der Anstrich, der direkt auf den nackten Putz aufgetragen wurde. Der Raum ist karg, aber dennoch funktionaler als alle anderen Zimmer, durch die Mārtiņš Zvīdriņš seine Besuchergruppe bisher geführt hat. Das Bad wurde renoviert, als nach der Unabhängigkeit 1991 die lettische Staatspolizei hier ein Gefängnis eingerichtet hat. Der KGB-Keller diente, wenn auch unter humaneren Haftbedingungen, dem gleichen Zweck.

Der Gebetsraum. Mārtiņš Zvīdriņš weiß nicht mehr, wie oft er die Räume des KGB-Kellers bereits durchquert hat. Seine Besuchergruppen sind oft ergriffen, wenn sie den Gebetsraum unter dem Eindruck der Führung betreten. Einfache Holzstühle mit Sitzfläche aus Korbgeflecht laden ein, das Gesehene sacken zu lassen. Gegenüber füllt eine Innenansicht des Rigaer Doms die gesamte Wand aus. Die so unbeugsame Stūra maja bietet hier Angehörigen und Opfern des KGB-Terrors einen Ort der Ruhe und des Gebets. Dann plötzlich Musik. Eine Orgel dröhnt dumpf, bevor ein einzelner Tenor klagt: „Dievs, Tava Zeme Deg“ – Gott, deine Erde brennt. Die Lettin Lūcija Garūta schrieb die Kantate 1943 in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, um ihrem Volk Mut zu machen. Von der Uraufführung im Rigaer Dom gibt es eine Aufnahme, auf der auch die Gefechte außerhalb der Kirche zu hören sind. „In Lettland dauerte der Zweite Weltkrieg bis 1991“, spielt Mārtiņš Zvīdriņš trocken auf die daran anschließende Okkupation der Sowjetunion an. In seiner Stimme schwingt viel Herzblut mit, wenn er von der Bedeutung der Kantate für das lettische Volk erzählt.

Alleine im Jahr 1949 wurden etwa 50.000 Letten nach Sibirien deportiert, über die Hälfte von ihnen starb. Damit war fast jede lettische Familie vom stalinistischen Terror betroffen. Diese Wunden heilen bei den alten Leuten nicht so einfach. „Wir hoffen auf die nächste Generation“, sagt Mārtiņš Zvīdriņš. In der Erinnerungskultur des KGB-Hauses ist ein Grundstein zur Aussöhnung zwischen Letten und Russen gelegt. Bliebe es geöffnet, wäre das ein wichtiger Schritt für die Zukunft einer gemeinsamen Nation. Die Geschichte der Stūra māja mahnt: Rede über die Vergangenheit.

Seite 1: „Rede niemals über die Vergangenheit.“

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