Im Schatten des Welterbes

Eine Flussbiegung hinter der Loreley liegt die Stadt Sankt Goar. Der sagenumwobene Felsen, die zahlreichen Burgen auf den Bergkämmen und der malerische Stadtkern machen die Stadt zu einem beliebten Ausflugsziel am Mittelrhein. Spätestens seit 2002, als das Obere Mittelrheintal zum Unesco-Welterbe erhoben wurde, beruft sich die rheinland-pfälzische Stadt auf den Tourismus. Das Welterbe bringt jedoch auch strenge Auflagen mit sich: Wer möchte anno 2014 noch in einer Stadt leben, von der aus der nächste Ort nur per Fähre erreichbar ist? Von der man 36 Kilometer bis nach Koblenz zur nächsten Rheinbrücke fahren muss? Durch die im Schnitt alle 20 Minuten ungebremst ein Güter- oder Fernverkehrszug donnert? (Tendenz steigend – rechtsrheinisch ist es alle 8 Minuten. Der Bahnhof selbst wird hingegen in jede Richtung nur alle Stunde bedient.)

Die Idee, bei Sankt Goar eine neue Brücke über den Rhein zu schlagen, würde den Welterbestatus gefährden – und wurde von der aktuellen rheinland-pfälzischen Regierung fürs Erste beerdigt. Sankt Goar liegt etwa eine halbe Zugstunde von Koblenz entfernt, bis Mainz braucht man doppelt so lange. Dazwischen nur Weinberge, Burgen, Fachwerkhäuser und malerische Flussbiegungen.

Der Zensus 2011 zählte 2.737 Einwohner, die Landesregierung ermittelte einen Rückgang von etwa 20 Prozent innerhalb der letzten dreißig Jahre – ein Bericht wertete die Entwicklung als „besonders negativen Wanderungssaldo“. Binnen zehn Jahren (2000-2010) verlor der Ort sogar 31,7 Prozent seiner sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Der Ortskern wirkt an einem Samstag im August wie ausgestorben. Aus dem Puppenmuseum kommt eine Familie; auf dem Fußweg zur Burg Rheinfels begegnet uns eine weitere. Die Ruine ist immerhin spärlich besucht. In der Fußgängerzone sitzen ein paar Menschen vor den wenigen Lokalen. Dazwischen Souvenirshops, die von der touristischen Ausrichtung des Ortes zeugen. Aus Sankt Goars Uferpromenade könnte ein Stadtentwickler eine wirklich schöne Flanierstraße machen; die Fachwerkhäuser auf der einen und der Rhein mit dem gegenüberliegenden Sankt Goarshausen auf der anderen Seite sind schon da. Umso eigentümlicher, dass uns ausgerechnet hier die meisten Leerstände ins Auge springen. Sankt Goar hat ein Strukturproblem, so viel steht fest. Und der demografische Wandel malt düstere Wolken über das gesamte Mittelrheintal.

Auf dem Feuerwehrfest, das der Löschzug Sankt Goar an diesem Wochenende veranstaltete (ich lasse an dieser Stelle mal offen, wie wir dort gelandet sind), bestätigte sich der Eindruck eines Ortes, wie er trister kaum sein kann. Der Altersdurchschnitt lag gefühlt jenseits der 60, nur gedrückt von den beiden Jungs von der Jugendfeuerwehr, die mit dem Biertablett durch das Gerätehaus liefen. Auf einer kleinen Bühne sang ein Duo zu billigster Midi-Begleitung ein Bouquet der beliebtesten Schlager. Und sorgte zweifellos für Stimmung, jedenfalls sangen die Senioren am Tisch nebenan zeitweise begeistert mit – ich wusste gar nicht, dass es zu Tim Toupets „Fliegerlied“ sogar eine Choreografie gibt! Aber immerhin wurde auf dem Feuerwehrfest einmal mehr deutlich, dass Sankt Goar sich als Fremdenverkehrsort versteht: Die Speisekarte wurde (fast) komplett auch auf Englisch und Französisch übersetzt.

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