Unterwegs per Anhalter

Unter dem schwarzen BMW fliegt der vielfach geflickte Fahrbahnbelag der A8 vorbei, darüber schmilzt die Julisonne Lücken in die Wolkendecke. „Ich dachte immer, heute würde niemand mehr trampen“, sagt die etwa 40-jährige Frau auf dem Fahrersitz. Und ja: Auch wenn es keine absoluten Zahlen dazu gibt, herrscht der Eindruck vor, dass heute kaum noch jemand per Anhalter reist. Während Fernbusse und Mitfahrzentralen heute auch den kleinen Geldbeutel ans Ziel bringen, entscheidet sich kaum noch jemand für die sicherlich weniger berechenbare Variante, einfach einmal den Daumen herauszuhalten. Dabei macht man beim Trampen tolle Begegnungen, reist nahezu klimaneutral, im Normalfall umsonst – und womöglich sogar schneller als mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wie mein Experiment beweist.


Ich wollte von Mainz nach Saarlouis, eine Kleinstadt im Saarland. Zugegeben, die Bahn braucht momentan etwa eine halbe Stunde länger, weil Teile der Nahestrecke renoviert werden und die schnellste Verbindung nach Saarlouis daher einen Schlenker nach Kaiserslautern macht. Auf dieser Strecke wäre ich, wenn ich um 11:55 Uhr in Mainz losgefahren wäre, zwei Stunden und 57 Minuten unterwegs gewesen.

So bin ich um die Mittagszeit am Pariser Tor losgetrampt. Dort standen schon zwei Studentinnen, die gerade nach Portugal starten wollten. Und da von Mainz aus betrachtet Portugal und Saarlouis in der gleichen Richtung liegen, schloss ich mich einfach einmal an. Keine Minute verging, bis wir im Auto eines Ingenieursstudenten saßen. Er nahm uns bis zu einem Autobahnparkplatz hinter Alzey mit, wo wir wiederum direkt den nächsten Lift bekamen. In Homburg machten wir eine kurze Pause, bevor sich unsere Wege trennten. Kaum begannen wir uns um Lifts zu kümmern, saß ich auch schon in einem Auto Richtung Dillingen. Nach fünf Minuten am Straßenrand saß ich auch schon in einem Auto zum Saarlouiser Bahnhof. Das alles hat in einem unschlagbaren Zeitraum von knapp zweieinhalb Stunden geklappt.

Trampen ist heute vielleicht einfacher denn je: Auf www.hitchwiki.org können Tramper ihre Erfahrungen mit anderen teilen – ihr Wissen über gute Spots tragen die User in einer OpenSource-Karte zusammen. Das erleichtert anderen den Einstieg, denn nichts ist frustrierender, als von einem schlecht gewählten Ort nicht mehr wegzukommen. Auch nutzen Tramper mittlerweile die sozialen Vernetzungsmöglichkeiten des Internet. Die Deutsche Autostop Gesellschaft Abgefahren e.V. lobt jährlich die Deutsche Meisterschaft im Trampen aus – auch, um über solche Events Aufmerksamkeit zu generieren und mit Klischees aufzuräumen.

Das größte Klischee, das Tramper unter anderem aus der Richtung besorgter Eltern hören, ist die große kriminelle Energie, die Mitnehmende angeblich entwickeln könnten. Demnach sollten vor allem Frauen am besten gar nicht, aber keinesfalls alleine trampen, um nicht Opfer von Vergewaltigern zu werden. Das Klischee hält sich hartnäckig, auch wenn Untersuchungen wie eine Studie des BKA von 1989 es immer wieder widerlegt haben. Vielleicht braucht Trampen etwas Überwindung – es ist aber kaum gefährlicher als jede andere Art zu reisen. Und wenn die Fahrt dann doch ein mulmiges Gefühl verursacht, gibt das BKA einen etwas merkwürdigen Tipp, wie man sie beendet:

„Sobald es doch einmal unangenehm wird, sollte ein Anhalter sofort den Ausstieg verlangen und notfalls dieser Forderung Nachdruck verschaffen, indem er irgend etwas aus dem Fenster wirft oder in Brand setzt.“

In Kanada bekommt das Trampen derzeit große mediale Aufmerksamkeit – oder vielmehr die merkwürdige Reise eines nicht ganz alltäglichen Trampers. Der Roboter HitchBOT ist per Anhalter von Halifax nach Victoria quer durch das Land unterwegs; vorbeifahrende Autofahrer können selbst entscheiden, wie weit sie ihn mitnehmen. Auf der Fahrt unterhält sich HitchBOT mittels einer Sprachsoftware mit ihnen, nimmt Fotos auf oder bittet die Fahrer, ihn über den Zigarettenanzünder mit Strom zu versorgen. Auf Twitter können User die Abenteuer des Roboters verfolgen.

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