Der Saarländer und sein Auto

Das Saarland ist in seiner Struktur vielleicht so etwas wie das Auenland Deutschlands, und auch seine typischen Bewohner weisen mitunter Parallelen zu den Hobbits auf. Es ist sehr ländlich geprägt, Metropolen gibt es ohnehin nicht (naja, Saarbrücken – aber das hält den Vergleich gegen wirkliche Metropolen nun auch nicht stand), und auf der Durchreise muss man schon fast aufpassen, dass man es nicht verpasst. Das Saarland ist vergleichsweise dünn besiedelt – auf der Straße hat man jedoch dauerhaft den Eindruck, seine Einwohner wären dauerhaft auf Achse. Tatsächlich kommen laut aktueller Statistik auf zehn Saarländer überdurchschnittliche sechs Autos. Je 1000 Einwohner gibt es im Saarland 64 Autos mehr als im Bundesgebiet. Warum ist das so?

Die Antwort auf diese Frage ist natürlich vielschichtig, mein Erklärungsversuch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ein guter Teil der Gründe ist jedoch den strukturellen Besonderheiten des Saarlands geschuldet. Als die Industrialisierung auch bis zur Saar hinunter schwappte, wurde aus dem Bauern- mehr und mehr ein Arbeiterland. Unter Tage lag der wirtschaftliche Aufschwung der Region, und die geförderte Kohle wurde in mehreren großen Hüttenarealen als Energieträger der Stahlproduktion eingesetzt. Die schwere Arbeit in Gruben und Hütten machte zwar nicht reich, dennoch brachte sie viel Kaufkraft in die ländliche Region.(Mittlerweile ist der Bergbau im Saarland Geschichte, und nur eine Hütte hat dem Konkurrenzdruck standgehalten, aber das ist an dieser Stelle nur am Rande relevant.) Die zahlreichen Arbeiter im Schichtbetrieb generierten große Nachfrage für den Personennahverkehr, sodass schon früh ein leistungsfähiges Bahnnetz aufgebaut wurde. Als dann jedoch das Auto allmählich vom Luxus- zum Massenprodukt wurde, lernten die Saarländer gerade auf dem Land die zusätzliche Flexibilität zu schätzen.

Eine Straßenbahn vor dem Saarlouiser Bahnhof, August 1959 – Foto: Ludger Kenning von www.drehscheibe-foren.de
Eine Straßenbahn vor dem Saarlouiser Bahnhof, August 1959 – Foto: Ludger Kenning von www.drehscheibe-foren.de, Originalseite hier

Der US-Automobilkonzern Ford eröffnete 1970 in Saarlouis ein großes Werk – im Gegenzug verlängerte der Bund die Autobahn A8 bis vor die Haustür der Produktionsstätte. Ford schuf im Saarland viele Arbeitsplätze, verhalf allen Mitarbeitern über Rabatte günstige Autos und dürfte somit den Aufschwung des Automobils an der Saar noch weiter beschleunigt haben. Dem steht jedoch notwendigerweise der Niedergang des Nahverkehrs gegenüber. Landesweit wurden Straßenbahntrassen rückgebaut oder stillgelegt – sogar Saarbrücken war von 1965 bis zur Inbetriebnahme der Saarbahn 1997 ohne Tramverkehr. Im Landkreis Saarlouis erinnern nur noch Fotos an das einst 75 Kilometer umfassende Straßenbahnnetz. Und auch die Fernverbindungen der Bahn gehen immer weiter zurück. Gerade erst hat die Bahn weitere Streichungen bekannt gegeben. Die Landesregierung wehrt sich dagegen, ist jedoch auch mit verantwortlich an der Entwicklung.

Auch die Nachfrage nach Bussen sinkt stetig. 2012 beförderten die saarländischen Nahverkehrsunternehmen rund 94 Millionen Fahrgäste. Fünf Jahre zuvor waren es noch 100 Millionen gewesen. Mit 3,1 Prozent sanken die Passagierzahlen der Omnibusse von 2011 auf 2012 besonders rapide. (Ausführliche Auswertungen des Statistischen Landesamtes finden sich hier und hier.) Die Preise des SaarVV sind – verglichen zum Beispiel mit Mainz – einigermaßen moderat, aber eben doch so hoch, dass eine Kurzstrecke mit dem Auto billiger ist als mit dem Bus. Hinzu kommt die Taktung: Für 2,90€ pro Einzelfahrt können Haltestellen fernab vom Schuss eben nicht oft angefahren werden. Zum Funkhaus des Saarländischen Rundfunks auf dem Halberg am Saarbrücker Stadtrand fährt zum Beispiel nur stündlich ein Bus. Das bringt bei flexiblen Arbeitszeiten jedoch herzlich wenig.

Haltestelle Funkhaus Halberg
Fahrplan der Haltestelle vor dem Funkhaus des Saarländischen Rundfunks – hier herrscht gähnende Leere.

Der Nahverkehr im Saarland steckt in der Klemme: Die Nachfrage sinkt stetig und hat das Angebot längst in eine Abwärtsspirale mit hineingezogen. Einen flexiblen, rege getakteten Nahverkehr bis ins kleinste Dorf kann sich das hoch verschuldete Saarland nicht leisten. Höhere Ticketpreise würden noch weniger Menschen in Bus und Bahn locken. Wie man es dreht und wendet: Den Saarländern bleibt leider kaum eine Alternative zum Auto. Daran wird sich vermutlich auch so schnell nichts ändern.

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