Juju

Es ist ein seltsamer Zufall, dass ich ausgerechnet gestern in meiner Reiselektüre über einen Fetischpriester gelesen habe – heute hat mich meine Recherche selbst zu traditionellen Ritualen geführt.
Ausgerechnet heute habe ich den Wecker überhört, und die Tro-Tro-Fahrt nach Agbozume hat ewig gedauert. Kurz: Ich war zu spät, und mein Stringer (das klingt abwertend, dabei ist er echt ein prima Kerl) Victor musste auf mich warten. Dann ging aber alles fix und wir saßen auf einem Motorrad nach Nogokpo. Nach einer kurzen Verhandlung auf Ewe brachten uns zwei weitere Männer zum Schrein, weswegen ich gekommen war.

Vor einer Hütte mussten wir Shirt und Schuhe ausziehen und uns bunte Stofftücher um die Hüfte legen – so will es die Tradition. Ich musste auch versprechen, dass sich in meinem Rucksack kein weiteres T-Shirt befand.

Barfuß gingen wir über den Sandboden in die Dorfmitte, wo der Chief und ein paar andere Alte saßen. Victor trug vor, warum wir hier waren, dann palaverten sie darüber. Am Ende musste ich 60 Cedi (15€) zahlen (eigentlich scheisse, aber sonst wäre das ganze Unterfangen umsonst gewesen) und wurde in die Brauchtümer der Ewe eingeführt. An diesem Schrein wurden gelegentlich Tiere geopfert (nach einem christlichen Gebet), oder es wurde Juju gemacht, das ist die Ewe-Bezeichnung für Fetischmagie. Ich verneigte mich vor dem Chief und dem Schrein, sodass meine Stirn den Sandboden berührte. Dann bekam ich ein Gläschen Gin zu trinken. Im weiteren Verlauf meiner Aufnahme in die Dorfgemeinschaft sollte es nicht der letzte bleiben – außerdem musste ich im Ritual die Buschtrommeln mit selbst gebrautem Maisbier benetzen und dann die Kalebasse austrinken. Zur Stärkung teilte ich mir mit dem Chief „Ataku“, die pfefferkorngroßen Samen einer trockenen, dattelartigen Frucht. Zerkaut waren sie vor allem scharf, aber mit einem Hauch von Lakritz und Flieder.

Dann erzählten die Trommeln die Geschichten des Urgroßvaters, der in den Krieg gezogen war. Ich sollte dazu tanzen und kam mir allmählich wie ein Pseudo-Erlebnistourist vor. Aber für die eigentlichen Infos war es mir das wert.

Anders als im nächsten Fall: Victor brachte mich zur Dagbe-Schule für traditionelles Trommeln, die direkt mal 200 Cedi für zwei Minuten wollten. No Way, mein Limit waren zehn. Wenn ich angemessene „journalistic coverage“ machen würde wären auch 70 Cedi okay. Nein, danke. Ich sagte noch etwas kurz angebunden, dass ich nur weil ich weiß bin nicht automatisch mit Geld um mich werfe und dass ich erst recht nicht zahle, um dann auch noch PR für die Typen zu machen. Dann machten Victor und ich uns auf.

Jetzt verbringe ich noch eine Nacht am Traumstrand, wobei es mir hier so langsam zu einsam wird. Ich bin der einzige Gast in der Lorneh Lodge, jedenfalls habe ich noch niemand sonst gesehen. In Europa trifft man grundsätzlich wenigstens das Minimal-Set an Individualreisenden (zwei Australier, ein Spanier, ein Deutscher), aber die scheinen noch nicht im östlichsten Winkel der ghanaischen Küste angekommen zu sein.

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