Über Russland

Als gerade der gewaltige Vierte Satz der Sinfonie aus der Neuen Welt aus meinen Kopfhörern brandete, tauchte am sibirischen Horizont der erste graue Lichtstreif des frühen Tages auf. Den Versuch, die auf dem Flug gen Osten sehr kurze Nacht über zu schlafen, hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben. Stattdessen hatte ich einige Zeit, mir bei Dvořáks bekanntester Sinfonie Gedanken zu machen über dieses so große und so geheimnisvolle Land, in das ich gerade zum ersten Mal eingereist war.


Die schiere Größe Russlands wurde mir erst über den neunstündigen Flug von Moskau nach Wladiwostok gewahr. Eine derartige geografische Ausdehnung bringt sonderbare Herausforderungen mit sich – die Bürozeiten in Wladiwostok tangieren die der auf dem Ziffernblatt sieben Stunden zurückliegenden Hauptstadt nur am Rande. Den Großteil Sibiriens überflogen wir im Dunkeln. Was im Hellen sah, war von faszinierender Schönheit, aber ebenso unwirtlich. Aus dem Flugzeug betrachtet, nicht die Sorte Territorium, mit der sich viel anfangen lässt. Zumindest aus der Sicht eines Menschen, der in einem der am dichtesten besiedelten Länder Europas aufgewachsen ist.
Diese Sichtweise sollte ein bestimmendes Thema der ganzen Woche werden (mehr dazu im dritten Teil dieser Episode des Reiselogbuchs). Aber auch ohne ein Journalistenforum geben die aktuellen Entwicklungen jeden Anlass dazu, sich intensiv hiermit auseinanderzusetzen. Ich will an dieser Stelle gar nicht ausführlich auf meine Position zur geopolitischen Lage eingehen, sondern eher auf die Eindrücke, die mir auf dieser Reise entgegenschlugen.
Auf dem Flug von Frankfurt nach Moskau las ich die Moskauer Deutsche Zeitung, die – wenig überraschend – zur Zeit viel russische Außenpolitik thematisiert. In Moskau gibt es offenbar genug deutsche Expats für eine Auflage von 25.000 Exemplaren. Am Flughafen Sheremetyevo musste ich (mein Anschlussflug war ja inländisch) durch die Passkontrolle. Kurz dachte ich, es sei vielleicht für einen Moment lang angenehmer, Schweizer oder Serbe zu sein. Andererseits fühle ich mich als Individuum nicht von der politischen Eiszeit zwischen meinem Reiseland und der Staatengemeinschaft, der ich angehöre, beeinträchtigt.
Dabei ist die Krim selbst im russischen Fernen Osten ein Thema. Am Sockel einer Brücke, unter der man zwischen Wladiwostok und der vorgelagerten Insel mit dem symbolträchtigen Russkij vorbeifährt, prangen meterhoch die Umrisse der Krim, koloriert in den Farben der Föderation. Direkt daneben ein Schriftzug, der sich in etwa mit „Insel Russkij (=Russisch), Krim – russländisch“ übersetzen lässt.

Wandbild am Kopf einer Brücke nahe der Insel Russkij.
Wandbild am Kopf einer Brücke nahe der Insel Russkij.

Ansonsten sprechen die Straßen die Sprache der Globalisierung: Im fernen Osten sind zwar hauptsächlich Autos aus Japan und Korea (zumeist rechts gesteuert) unterwegs. Es gibt jedoch auch große Niederlassungen der wichtigen europäischen Hersteller. Die Supermärkte führen die gleichen Marken wie zu Hause, das Einkaufszentrum ist voller bekannter Retailer. Mit jedem Beispiel fühlen sich die Wirtschaftssanktionen anachronistischer an. Die Flugzeuge der Aeroflot sind komplett aus den Hallen von Boeing und Airbus, an Bord wird Coca Cola serviert. Und zumindest auf dem Bildschirm, der während des Fluges die Position auf der Karte anzeigt, gehört die Krim noch zur Ukraine.

Karte auf einem Bordbildschirm in einem A330 der Aeroflot. Die eingezeichneten Grenzen schlagen die Krim nach wie vor der Ukraine zu.
Karte auf einem Bordbildschirm in einem A330 der Aeroflot. Die eingezeichneten Grenzen schlagen die Krim nach wie vor der Ukraine zu.

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