Was uns Charlie Hebdo lehrt

Zwölf Menschenleben hat der Anschlag auf die Redaktion des Pariser Satireblatts Charlie Hebdo gefordert. Damit er nicht auch ein Stück weit unsere pluralistische Gesellschaft tötet, braucht es einen Dialog, der in die Tiefe geht.

Die Morde von Paris haben mich geschockt. Weil es nicht nur um zwölf tote Menschen geht – das alleine wäre schon schlimm genug – sondern weil es darüber hinaus zuallererst ein Angriff auf Werte wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und somit Freiheit im Allgemeinen ist. Nach dem ersten Schock kam die Befürchtung, die Greueltat könnte vom rechten Rand her für Meinungsmache missbraucht werden. Das ist dann auch hier und da so eingetreten.

Ich finde das erbärmlich. Und da ich auf diese Instrumentalisierung des Anschlags auf Charlie Hebdo hinweisen wollte, habe ich den Link mit dem Kommentar „Erbärmlich.“ bei Twitter geteilt. Genau eine Minute später kam aus den Tiefen des Kurznachrichtendienstes eine Antwort:

Das war mein zweiter Tweet mit dem Hashtag #AfD, und gleichzeitig der zweite, der eine derartige Reaktion hervorrief. An den Tweetdecks derer, die man optimistischerweise im letzten Jahr noch erst als Wutbürger, dann als Protestwähler hoffte, scheint man sehr wachsam zu sein. Schließlich sind wir eine pluralistische Gesellschaft mit einer Meinungsfreiheit, die es über allem zu verteidigen gilt.

Diese wird jedoch immer häufiger mit zweierlei Maß gemessen – und das bereitet mir große Sorgen. Dass die Pegida-Demonstranten über die Lügenpresse herziehen und gleichzeitig deren Berichte über den IS zum Anlass für ihre Kundgebungen nehmen, ist eine Farce. In der Konsequenz ist es jedoch nicht als solche herunterzuspielen: Der Vertrauensverlust in die Medien ist bedenklich. (Und es ist bittere Ironie, dass das Mitgefühl nun ausgerechnet Redakteuren der „Lügenpresse“ gilt, sobald es für die populistische Argumentationsstrategie opportun ist.)

Viel bedenklicher ist jedoch noch, welchen Schaden die teils mit dem IS-Terror begründeten Ressentiments innerhalb unserer Gesellschaft anrichten. Einen Tag nach dem Anschlag veröffentlichte die Bertelsmann Stiftung ihren aktuellen Religionsmonitor, der eine wachsende Islamfeindlichkeit in Deutschland untermauert. Ich bin schockiert darüber, wie mehrheitsfähig derartige Ansichten mittlerweile geworden sind: 61 Prozent der Nichtmuslime in Deutschland befinden, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Offen gesagt: Ich habe Angst, zu was solche Tendenzen noch führen mögen. Umso wichtiger ist es, Ressentiments zu brechen, mit Vorurteilen aufzuräumen, Schwarz-Weiß-Malerei einzufärben.

Vor ein paar Monaten habe ich schon einmal über die Gefahr von Pauschalisierungen geschrieben. Damals bezog ich mich zu Teilen noch auf Studien, die auf ein differenziertes Islambild hindeuten – ich habe den Eindruck, hier hat sich etwas zum Negativen verändert. Und die gerade veröffentlichte Studie bekräftigt diesen Eindruck. Die **gida-Aufmärsche in mehreren deutschen Städten lehren, dass unsere Gesellschaft hierüber dringend eine substantielle Debatte braucht, die quer durch alle Schichten dringt. Die Bertelsmann-Studie besagt auch, dass Islamfeindlichkeit vor allem unter denen entstehe, die keinen regelmäßigen Umgang mit Muslimen pflegen. Angst durch Unwissenheit also?

Unwissenheit darf jedoch keine Entschuldigung dafür sein, wenn der IS-Schrecken auf unbehelligte und unbeteiligte Muslime projiziert wird. In einem anderen Tweet brachte sich der Nutzer, der auf meinen eingangs erwähnten Eintrag reagiert hatte, dann auch gleich selbst die Morde in der Charlie Hebdo-Redaktion in Zusammenhang mit Pegida:

Das „i“ in Pegida steht für „Islamisierung“, nicht für Islamisten. Islamisierung bezieht sich auf die gesamte Bandbreite einer Religion, innerhalb derer ein sehr geringer Anteil (wenn auch sehr öffentlichkeitswirksam, weil grausam) radikale, verabscheuenswürdige Positionen einnimmt. Nur diese Radikalisierung heißt Islamismus – die zunehmend synonyme Verwendung beider Begriffe (weiß Gott nicht nur in einem Tweet) zeigt, wie oberflächlich offenbar die Debatte geführt wird. Es fehlt dringend an den Zwischentönen, die das schiefe Begriffspaar von Islam und Islamismus wieder voneinander lösen.

Eine derartige Debatte wollte nicht zuletzt auch die oft provokante Satire des Magazins Charlie Hebdo anstoßen. Zeit Online zitiert Chefredakteur Stéphane „Charb“ Charbonnier mit den Worten: „Wir wollen Leute zum Lachen und zum Nachdenken bringen.“

Charb ist bei dem Anschlag am Mittwoch gestorben. Über ihn sollte man, wie über die elf anderen, trauern. Es gilt aber ebenso, die in dieser Zeit erhitzten Gemüter zu beruhigen, seinem Appell zu folgen und nachzudenken. Je suis Charlie.

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