Trödeln ohne schlechtes Gewissen

Hand aufs Herz: Jeder von uns schlägt Zeit mit unwichtigen, aber schönen Dingen tot – weil die eigentliche Arbeit nervt, langweilt oder uns kurzzeitig überfordert. Anna Sommerer findet das total in Ordnung, wie sie im Interview selbst sagt. Die 27-Jährige hat im Rahmen ihrer Bachelorarbeit ein Set mit dem Titel „Pro – Du bist der Prokrastinationskönig, die Prokrastinationskönigin“ designt. Das Set enthält fünf Komponenten, die gemeinsam den Aktiv Prokrastinierenden ganz neue Welten der Unproduktivität eröffnen. Was es mit den Passiv Prokrastinierenden auf sich hat und wie sich – ganz ohne „Pro“ übrigens – am besten prokrastinieren lässt, erklärt Anna im Interview.

Prokrastinieren ist ein fester Bestandteil jeder Bachelorarbeit. Wie bist du auf die Idee gekommen, den Spieß einmal umzudrehen und dich aktiv mit der Passivität zu beschäftigen?

Ohne zu wissen, dass es ‚Prokrastinieren‘ heißt, habe ich es schon immer gerne gemacht.
Während der etwas verzweifelten Suche nach einem Abschlussarbeitsthema, bin ich durch meine Schwester an das Buch „Dinge geregelt kriegen, ohne einen Funken Selbstdisziplin“ von Kathrin Passig und Sascha Lobo gekommen. Nach den ersten paar Kapiteln und etwas Internetrecherche war mir dann schnell klar, dass ich mich mit diesem Thema näher beschäftigen möchte. Bei der Anmeldung und im ersten Gespräch mit meinen Dozenten hatten wir alle drei noch gar keine Ahnung, wohin die Arbeit gehen würde.

Der eine Würfel bestimmt die Tätigkeit, der andere die Dauer bis zum Weiterarbeiten. So kann man ohne schlechtes Gewissen zum Beispiel ein paar Minuten im Internet prokrastinieren, bevor es weiter geht. (Foto: Anna Sommerer)
Der eine Würfel bestimmt die Tätigkeit, der andere die Dauer bis zum Weiterarbeiten. So kann man ohne schlechtes Gewissen zum Beispiel ein paar Minuten im Internet prokrastinieren, bevor es weiter geht. (Foto: Anna Sommerer)

Was denkst du, warum prokrastinieren wir alle? Hat diese scheinbar sinnlose Beschäftigung eine Berechtigung?

Damit schneide ich mir vielleicht ins eigene Bein, aber manchmal denke ich, dass wir vielleicht einfach zu viel Zeit haben? Allerdings kombiniert mit zu vielen Dingen die wir machen wollen oder müssen. Dann wird einfach schnell unterbewusst selektioniert was hyperwichtig ist oder was zwar wichtig ist, aber auch einfach noch ein paar Tage bis Wochen Zeit hat. Und andererseits brauchen wir vielleicht einfach Deadlines? Das kann man jetzt bestimmt nicht einfach so pauschalisieren, aber mit einem fixen Abgabetermin kann ich viel, viel besser arbeiten, als wenn ich einfach fertig sein muss, wenn ich fertig bin.

Nun ist Prokrastinieren nicht gleich Prokrastinieren – wo liegen die wichtisten Unterschiede?

Laut Chu und Choi gibt es drei verschiedene Arten von Menschen: Nicht Prokrastinierende und Prokrastinierende. Die zweite Gruppe trennen sie wiederum in ‚Aktive‘ und ‚Passive‘ Prokrastinierende. Kurz gesagt sind die ‚Aktiven‘ die, die aufschieben, kurz vor der Deadline fertig werden und genau so gute Ergebnisse wie nicht Prokrastinierende erhalten. Dieses Verhalten ist meiner Meinung nach komplett unbedenklich. Bei Passiv Prokrastinierenden ist es durch aus kritischer zu sehen: Sie erreichen ihre Ziele nicht unbedingt, schieben sehr wichtige Dinge auf, was wiederum eine Ketten an Problemen mit sich bringen kann und durchaus auch als Krankheit gesehen werden muss.

Wenn ich das richtig verstehe, bist du also eher eine „Aktiv Prokrastinierende“.

Ja, auf jeden Fall. Kurz vor Deadlines kann ich einfach viel besser arbeiten. Beispielsweise den schriftlichen Teil meiner Abschlussarbeit, den habe ich auch erst kurz vor knapp angefangen zu schreiben – und? Es hätte nicht besser laufen können.

Das Set "Pro – Du bist der Prokrastinationskönig, die Prokrastinationskönigin" beinhaltet fünf verschiedene Elemente, die beim Prokrastinieren helfen sollen. (Foto: Anna Sommerer)
Das Set „Pro – Du bist der Prokrastinationskönig, die Prokrastinationskönigin“ beinhaltet fünf verschiedene Elemente, die beim Prokrastinieren helfen sollen. (Foto: Anna Sommerer)

Das wichtigere Element deiner Arbeit ist jedoch der praktische Teil – das Prokrastinier-Set. Warum braucht es Hilfsmittel zum Nichtstun?

Grundsätzliche bin ich der Meinung, dass es total in Ordnung ist zu prokrastinieren.
Das einzige Problem daran ist, dass man wahnsinnig ein schlechtes Gewissen bekommt, während man so tage- oder wochenlang vor sich hintrödelt. Das Ziel meiner Arbeit ist es, eben dieses schlechte Gewissen zu nehmen. Um dies zu erreichen, habe ich fünf voneinander unabhängige Produkte entwickelt.

Konkret sind das eine Münze (die entscheidet, ob man prokrastinieren darf), Würfel (mit denen man Dauer und Gebiet einer Ausgleichsaktivität bestimmen darf), ein Aktivitätenbeutel (der 100 Ablenkungsmöglichkeiten bereithält), das Pflicht-&-Kür-Brett (als Aufgabensammlung) und die Arbeitskerze (die bis zum nächsten Prokrastinieren vier Stunden brennt). Wie bist du jeweils auf die Bestandteile gekommen?

Das kann ich irgendwie gar nicht mehr so richtig rekonstruieren. Mir war es von Anfang an wichtig, dass die verschiedenen Produkte auf einander abgestimmt sind, aber dennoch eigenständig funktionieren.
Von einer Idee – ich glaube die Münze stand als erstes fest – kam ich direkt auf die nächste. Für mich war und ist der Austausch mit FreundInnen und meinen Dozenten immer sehr wichtig, gerade im Gespräch entstehen die besten Ideen.

Welches Produkt innerhalb des Sets ist deine Lieblingsidee?

Ich glaube der Aktivitätenbeutel ist mein Liebling. Auf den 100 Holzstücken stehen so viele Dinge, die ich gerne mache (Fotografieren, Telefonieren, Freunde treffen…) aber leider auch vieles, was ich nicht so gerne mag (Bad putzen, Bügeln…) – eben typische Prokrastinationsaktivitäten. Rein optisch mag ich die fein ins Bambusholz eingebrannten Buchstaben in dem Baumwollbeutel aber auch einfach sehr.

Der Aktivitätenbeutel bietet 100 abwechslungsreiche Tätigkeiten. (Foto: Anna Sommerer)
Der Aktivitätenbeutel bietet 100 abwechslungsreiche Tätigkeiten. (Foto: Anna Sommerer)

Das Set sieht nicht nur sehr wertig aus, sondern hinterlässt vor allem einen durchdachten Eindruck. Hast du vor, dein Set auch auf den Markt zu bringen und zu verkaufen?

Eigentlich ja. Ich hatte auch schon das ein oder andere Gespräch dazu mit verschiedenen Firmen, aber leider ist es bisher noch nicht zu eine Zusammenarbeit gekommen. Aber wer weiß, zum Thema passt es ja, wenn es erst in ein paar Jahre etwas wird.

Wenn du gerade keinen Aktivitätenbeutel zur Hand hast: Wie prokrastinierst du am liebsten?

Für mich persönlich sind zum perfekt Prokrastinieren Laptop/Handy, ein leckeres Getränk (Limo im Sommer, Milchkaffee im Winter) und Snacks in Reichweite unabdingbar. Aber am allerbesten prokrastinieren, also vor vermeintlich wichtigen Aufgaben fliehen, lässt es sich am besten mit Freundinnen und Freunden. Da ist das schlechte Gewissen auch wirklich ganz schnell vergessen!

Anna Sommerer (27) lebt in Bonn. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit unter dem Titel „Gestaltungsmaßnahmen im Kontext Prokratination“ designte sie 2011 das Set "Pro". (Foto: privat)
Anna Sommerer (27) lebt in Bonn. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit unter dem Titel „Gestaltungsmaßnahmen im Kontext Prokratination“ designte sie 2011 das Set „Pro“. (Foto: privat)

Mehr Informationen zu Annas Set „Pro – Du bist der Prokrastinationskönig, die Prokrastinationskönigin“ bietet ihre Webseite. Sie betreibt ihr eigenes Label Ponyhut – leider noch ohne Prokrastinationsset.

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