Instant Articles: Warum wir Facebook nicht auch noch den Journalismus überlassen sollten

Vorige Woche habe ich eine überregionale Tageszeitung abonniert. Digital, weil bergeweise bedrucktes Papier im sperrigen Nordischen Format weder meiner Lebensrealität entspricht noch besonders unweltfreundlich ist. Ich zahle, soweit ich mich erinnere, damit zum ersten Mal bewusst regelmäßig Geld für digitale Inhalte. Daran muss sich meine Generation nach der Gratis-Orgie des Internets unserer Jugend erst einmal gewöhnen. Wir zahlen dafür längst alle – nur eben selten mit Geld.

Die Währungen nicht monetarisierter Online-Angebote sind Aufmerksamkeit und Informationen. Erstere ist noch vergleichsweise harmlos, schließlich zahlen Werbekunden dafür, ein mehr oder weniger aufdringliches Banner neben den Content, der mich eigentlich interessiert, zu setzen. Ich nehme das schon gar nicht mehr wahr, andere lassen es von Add-Ons ausblenden. Banner-Werbung zieht nicht mehr, die Preise fallen, also muss ein subtilerer Weg her. Native Advertising schleicht sich zwischen den Content – um das zu umschiffen, braucht man schon ein bisschen Internetkompetenz.

Viel lukrativer als bloße Aufmerksamkeit sind eh Informationen als Gegenleistung – schließlich wird Werbung nur geklickt, wenn es den User interessiert. Jeder unserer Klicks ist auch eine Information über uns selbst. Seit kurzem müssen Webseiten zwar fragen, ob wir mit der Nutzung von Cookies einverstanden sind. Unsere Wahl besteht aber höchstens darin, auf das Angebot der Webseite zu verzichten. Wer konsequent den Gebrauch von Cookies ablehnt, hat im Internet jedoch nur noch etwa so viel Auswahl wie ein Vegetarier in der Metzgerei. Und wer ein Smartphone benutzt, gibt das Recht auf Privatsphäre eh längst beim Entsperren ab.

Die großen Internet-Oligarchen (Facebook, Google & Co.) sind Meister im Datensammeln. Wer sich noch nie gefragt hat, wie man mit vermeintlich kostenlosen Dienstleistungen für Milliarden Nutzer Geld verdienen kann, ist naiv. Googles Suchmaschine, Kartendienst, Dokumenten-Cloudspeicher und so weiter hat unsere Welt verbessert, dachten wir. Und vertrauten ahnungslos einem US-Konzern an, was uns beschäftigt, wo wir uns aufhalten und woran wir arbeiten.

Facebook agiert noch eine Spur dreister: „What’s on your mind?“ fragt der Dienst mich, wenn ich mein persönliches Profil aufrufe. Und der Like-Button ist ein perfides Instrument, meine Emotionen mit der Zeit zu einem aussagekräftigen Datensatz zusammenzutragen. Daten über meine Persönlichkeit, ganz egal, wie umsichtig ich bin. Denn selbst die Frequenz meiner Likes sagt etwas über mich aus – sei es, dass ich wenig über mich preisgeben will. Das passiert nicht nur mit mir, sondern zeitgleich mit jedem fünften Menschen auf der Welt: Der letzte Quartalsbericht beziffert 1,44 Milliarden aktive Facebook-Nutzer. 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu kommen viele weitere Dienste wie Whatsapp oder Instagram, die Facebook geschluckt hat und den Einfluss des Konzerns weiter ausbauen. Auch Whatsapp, bei denen eine der letzten Programmversionen offenlegte, dass Telefonate in der App gespeichert werden und dem wir aus Bequemlichkeit ständig Zugriff auf unsere Handy-Mikrofon gewähren.

Fassen wir zusammen: Im Gegenzug gegen superpraktische Dienste machen wir uns vor den Internet-Oligarchen nackt. Und das ist so bequem, dass wir Facebook mittlerweile sogar als Newsfeed benutzen: Nachdem wir ein paar laufende Meter Timeline herunter gescrollt haben, wissen wir nicht nur, was bei unseren Freunden Phase ist, sondern was in der Welt geschieht. Längst kommen bedeutende Leseranteile über Facebook zu Nachrichteninhalten. Jetzt startet der Konzern sein Angebot „Instant Articles“ und schafft noch den letzten Klick, die letzte Hürde ab. Die Inhalte kooperierender Medien sollen bei Facebook nicht nur angeteasert und zur Seite umgeleitet, sondern komplett angezeigt werden. Facebook bietet die Aussicht auf attraktive Werbeeinnahmen und fantastische Reichweite – im Gegenzug nimmt sich der Konzern noch mehr Macht. Die Macht zu entscheiden, welche Inhalte von welchem Medium wem wann in welchem Kontext gezeigt werden. Und wenn Instant Articles einmal richtig läuft, kann Facebook bei den beteiligten Medienpartnern die Daumenschrauben anziehen.

Dabei habe ich das Gefühl, dass abseits von Facebook im Journalismus endlich mal ein Trend zur Paywall geht. Das ist eine vernünftige Entwicklung, denn nach den wilden Jugendjahren des Internets sollten wir User so langsam begriffen haben, dass gratis nicht kostenlos ist. Von Facebook abmelden ist für mich aktuell keine Option. Doch ich habe entschieden, den Einfluss nicht noch weiter zu vergrößern. Deshalb mache ich einen Anfang und zahle für meine Tageszeitung.

 

Das erste Digitalprodukt, für das ich regelmäßig zahle, ist die Zeitung übrigens doch nicht: Diese Webseite und die damit assoziierten Mail-Postfächer (über die ich meine professionelle Kommunikation betreibe), liegen bei einem unabhängigen Anbieter.

Wer sich eingehender mit dem schleichenden Verlust der Privatsphäre im Internet beschäftigen möchte, dem sei „Do Not Track“ empfohlen – eine personalisierte Webdokumentation u. A. des BR und Arte.

Aufmacherbild: Screenshot aus meinem Facebook-Profil.

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