זעם – Wut

„Wieder Tote in Jerusalem“. Die Meldung ist nach Jahrzehnten des Nahostkonflikts schon viel zu oft gelaufen. Aber mittendrin ist dann doch wieder alles anders.
Ich kann es ja verstehen. Das heißt, ich beginne, so langsam zu verstehen. Wie aus Ärger Frust wird und aus Frust Hass. Und wie eben das Fass irgendwann so voll sein kann, dass es überläuft.
In den letzten Tagen haben wir von Beduinen in der Negev gehört, deren systematische Diskriminierung mich stark an die Roma erinnert hat, die ich vor kurzem in Serbien getroffen habe. Ein Palästinenser hat die Situation in Ost-Jerusalem geschildert. Auch nicht viel besser. Ein links gerichteter ehemaliger Stadtratsabgeordneter, der für Ost-Jerusalem zuständig war, hat über unterschwellige Diskriminierung von offizieller Seite berichtet.
Die Situation der Palästinenser ist prekär, keine Frage. Natürlich rechtfertigt das niemals Gewalt, besonders dann nicht, wenn sie sich blind gegen eine ganze Personengruppe richtet. Die Gewalt, die Israel seit bald zwei Wochen durchschüttelt, ist unberechenbar, ungesteuert, unkontrollierbar. Es sind Nadelstiche, die ob ihrer Häufigkeit schmerzen. Die Menschen sind umsichtiger geworden.
Heute hat Israel eine neue Eskalationsstufe erreicht – zumindest fühlt es sich so an. Die Frequenz und Intensität der Attentate steigt. Es sind nicht nur Anschläge mit Messern und spitzen Gegenständen, heute gab es auch einen Angriff auf einen Bus, ein anderer nutzte sein Auto und ein Hackebeil als Kamikaze-Waffe. In Zeiten von Smartphones sind die furchtbaren Videos sofort überall. Die Rufe nach einer Abriegelung des von Palästinensern bewohnten Ost-Jerusalems werden lauter.

Auf dem Weg nach Ost-Jerusalem, ein paar Stunden zuvor. (Es war übrigens heute schon schwieriger als gestern, einen Taxifahrer zu finden, der vom jüdischen Westen in den palästinensischen Osten fahren will.) Plötzlich geht gar nichts mehr, die gelegentlichen Hupen werden zum Dauerton. Wir stecken auf einer engen Fahrspur fest, auch in der Gegenrichtung steht alles. Puls. Es soll heute morgen schon einen Anschlag auf einen Bus gegeben haben. Unser Fahrer verriegelt die Türen. Zwei oder drei Autos hinter uns öffnen sich die hinteren Türen eines unscheinbaren Pkw, auf jeder Seite springt ein Soldat mit Maschinengewehr heraus. Sie rennen nach vorne. Berittene Polizisten preschen hinterher, durch die enge Gasse am Auto vorbei. Das linke Pferd streift den Außenspiegel unseres Taxis.
Zäh fließt der Verkehr weiter. Die beiden Soldaten steigen in einen anderen Pkw wieder ein, fahren ein paar hundert Meter mit und springen wieder raus. Als der Verkehr wieder steht, können wir schon fast auf die Kreuzung vorm Damascus Gate sehen. War da etwas an der Straßenbahn? Jetzt kommen von überall Autos mit Blaulicht, Pferde, Soldaten, Krankenwagen. Auf den Bürgersteigen stehen orthodoxe Juden und schauen sich um, als sei nichts passiert. Oder, als sei etwas passiert.


Bei einer Schießerei war ein Mann gestorben, stellte sich später heraus. Das war heute morgen, gegen elf. Jedes Mal, wenn ich eine Sirene höre (auch, während ich diese Zeilen schreibe), frage ich mich, was gerade wieder los ist.

2 thoughts on “זעם – Wut

  1. Genau diese Paranoia war es, die mir diese Stadt auch etwas verleidet hat. Als wir dort waren, war die Situation ähnlich angespannt, und man vergisst einfach irgendwann, dass es auch Herzinfarkte und Verkehrsunfälle gibt – jede Sirene und jeden Hubschrauber deutet man als Alarmsignal „aha, es ist wieder etwas passiert“…

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