שבת – Shabbat

Die Busse fahren nicht, und mancherorts werden sogar die Aufzüge auf Shabbat-Modus geschaltet. Samstags kann man manchmal glauben, Israel sei eine Theokratie. 

Ich bin jetzt seit etwas mehr als sieben Wochen in Israel. Folglich war heute mein siebter Shabbat, und ich bin immer noch beeindruckt davon, wie grundlegend anders das Leben an einem Samstag hier läuft. Die Stimmung in Beer Sheva gleicht der in einem postapokalyptischen Science Fiction-Film. Selbst in Tel Aviv könnte man glauben, die Einwohnerzahl sei plötzlich um zwei Drittel gesunken. Und trotzdem ist das noch kein Vergleich zu Jerusalem.

Okay, vermutlich trägt zu meinem Eindruck bei, dass ich auf einem der umliegenden Hügel lebe und nicht direkt in Jerusalem Down Town. In meiner direkten Umgebung ist kein Ort, an den es mich besonders zieht. Und da die Stadtbusse den Shabbat einhalten, bin ich regelmäßig von der Außenwelt abgeschnitten. (Ich habe zwar schon viel über den ShaBus als Alternative gehört, aber noch nie gesehen.)

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Heute bin ich einfach mal losgelaufen: Eigentlich wollte ich schauen, was der auf Google Maps eingezeichnete „Jerusalem Garden“ am Ammunition Hill taugt. Außer ein paar Raben, etwas Müll und ein paar ziemlich großer Ziegen (!) gab es dort aber vor allem eine mit Nato-Zaun bewehrte Einfriedung. Mein Bewegungsdrang war zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht gestillt.

Also bin ich zu den nächsten grünen Flecken auf der Karte, die sich allerdings als komplett mit Asphalt, Stein und Beton verbaut herausstellten. Ich fand mich in einem orthodoxen Viertel wieder. Es heißt, je orthodoxer die Familien, desto kinderreicher – zumindest auf meiner Laufroute bestätigte sich dieser Eindruck. Den mag jedoch der Spielplatz im Viertel verstärkt haben, wo Jungen mit Schläfenlocken und Kippa auf dem Klettergerüst turnten und Mädchen in Rock und Bluse schaukelten.

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Ansonsten ist am Shabbat nicht besonders viel los. Das öffentliche Leben kommt quasi zum Erliegen, die meisten Geschäfte sind geschlossen, viele Museen sind zu. Der Nahverkehr sowieso: Die Anzeigetafel an der Straßenbahnhaltestelle vermeldet auf hebräisch, arabisch und englisch, dass der Betrieb noch nicht begonnen hat. Klar, auf einer wichtigen Straße wie der Sderot Hayim Barlev fahren auch samstags Autos – aber bei weitem nicht so viele wie unter der Woche.

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Auf der anderen Seite der Ausfallstraße, der auch die Straßenbahn folgt, erinnerte dann plötzlich nichts mehr an den Shabbat. In der Nablus Road – der Straßenname verrät schon, dass hier eher Palästinenser leben – kamen mir einige Schulkinder entgegen, für die gerade der Unterricht zu Ende war. In einer christlichen Kirche wurde mit Orgel und großem Tamtam Hochzeit gefeiert. Vor einem der großen Hotels drängelte eine Reisegruppe um die besten Plätze am Gepäckraum eines Reisebusses. Eine Straßenecke weiter führte ein Gebrauchtwagenhändler einem Kunden seine Autos vor. Beim Damaskustor herrschte reges Treiben auf einem auf dem Gehweg improvisierten Gemüsemarkt.

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Am Shabbat werden die Unterschiede zwischen jüdischen und arabischen Vierteln besonders offenkundig. Und einen Vorteil hat meine Wohnlage in Ost-Jerusalem allemal: Wenn mir an einem der nächsten Samstage wieder die Decke auf dem Kopf fällt, bin ich mit dem arabischen Bus schnell in der Westbank.

Aufmacherbild: Shabbat-Schalter im Aufzug meines Wohngebäudes. Ein Dreh mit dem Schlüssel des Hausmeisters, schon fährt der Fahrstuhl wie ein Paternoster jedes einzelne Stockwerk an, weil das Drücken der Knöpfe bereits als Arbeit zählen würde und somit verboten ist. Ich bin froh, dass offenbar niemand in meinem Haus darum gebeten hat, die Funktion zu aktivieren!

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