848 Worte zum Nahostkonflikt

Dieses Land und seine Bewohner zu mögen, geht schnell. Aber die große Komplexität auch nur ansatzweise zu begreifen, braucht umso länger. Ein halbes Jahr Zeit hat mir die Herbert Quandt-Stiftung geschenkt, und ich blicke zurück spannende sechs Monate. Die anfängliche Überforderung, als genau zum Beginn unseres Stipendiums die jüngste Gewaltwelle begann. „The situation is back“, höre ich den Mann an der HaDavidka in Jerusalem immer noch sagen. Das war in der ersten Woche, in der wir in Jerusalem gelebt haben.

Ich habe in komprimierter Form gelernt, wie sich die Israelis daran gewöhnt haben. Beim ersten Mal Straßenbahn fahren – obwohl es noch nie einen großen Anschlag auf die Jerusalemer Light Rail gegeben hat, hat sie einen unsicheren Ruf – klopfte mein Herz etwas schneller. Mit jeder Fahrt kehrte allerdings etwas Alltag ein. Auch zur Bestürzung über neue Attacken mischte sich zunehmend Frust und eine Art stoischer emotionaler Abstumpfung. „Aha. Also wieder was am Damascus Gate“, kommentierte meine innere Stimme die Twitter-Timeline. Bei mir war mein Aufenthalt von vornherein auf sechs Monate begrenzt – wenn man sich hier aber dauerhaft sein Leben einrichtet, braucht man einen noch viel stärkeren emotionalen Abwehrmechanismus für solche Nachrichten.

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Ich habe in komprimierter Form aber auch gelernt, warum es überhaupt so weit kommt. Ich kann mich nicht komplett in die Lage des arabischen Teenagers hineinversetzen, der beim Pfandflaschen sammeln von israelischen Sicherheitskräften angesprochen wird und erst die Straße zur Leibesvisitation (inklusive Ausziehen vor den Augen der ganzen Stadt) überqueren darf, nachdem er seinen Plastiksack entleert hat. Ich habe diese Schikane einmal beobachtet – aber was macht sie mit dem Jungen, wenn er solche Szenen öfters erlebt? Ich hatte nur wenig Probleme mit dem israelischen Grenzschutz, etwa als ich als Einziger am Checkpoint aus einem Bus aussteigen musste, oder als ich mit dem palästinensischen Journalisten Omar bei Nablus eine scheinbar willkürlich gesperrte Straße weiträumig umfahren musste.

Ein Konflikt für Einsteiger?

Übrigens gibt es DIE Israelis genauso wenig wie DIE Palästinenser. Das war mir natürlich schon vorher klar, aber etwas tiefer einzusteigen in die Vielfalt auf beiden Seiten war vielleicht mit das wichtigste, was ich hier gelernt habe. Der zionistische Siedler in Bet El hat natürlich andere politische Ziele als der IT-Spezialist in Haifa als der russische Einwanderer in Beer Scheva als der israelische Palästinenser in Jaffa. Sie haben nur alle den gleichen Pass. Ähnlich vielfältig sieht es auf der anderen Seite der Mauer aus. Ach ja, die Mauer. Die schraffiert eingezeichneten Palästinensergebiete auf den Karten der Tagesschau sehen ja immer nach erfolgreich implementiertem Oslo-Vertrag aus, die machtpolitische Realität ist jedoch eine ganz andere. Wenn ich die Plakate zur Verehrung palästinensischer „Märtyrer“ sehe, verabscheue ich ihre Taten, verstehe aber ihre Motive. Genau so verhält es sich aber auch mit den Hauszerstörungen der israelischen Armee. In einer Gesellschaft, in der die Ehre der Familie das höchste Gut ist, mag Sippenhaft eine praktikable Abschreckung sein – widerlich ist sie trotzdem.

Jerusalem

Ausnahmen bestätigen die Regel: Israel ist ein Rechtsstaat. Punkt. Auch wenn ich die eingeschlagene politische Richtung für bedenklich halte, ist dieser Status nicht unmittelbar in Gefahr, und so bietet dieses kleine Land gute Arbeitsbedingungen für Journalisten. Ich will nicht zynisch und kalt klingen, aber der Nahostkonflikt ist vielleicht der beste Konflikt für Berufseinsteiger wie mich. Die Infrastruktur, samt NGOs wie MediaCentral, ist sehr gut – Israel ist nicht umsonst das Land mit der höchsten Korrespondentendichte. Ich habe in meinen sechs Monaten quantitativ sehr ausgewogen aus Israel und dem Westjordanland berichtet, und auch qualitativ versucht, mich auf keine Seite zu schlagen. Warum auch? Warum sollte ich eine Seite wählen, wenn ich sehe, wie beide unter dem Konflikt leiden?

Der Nahostkonflikt ist nicht unlösbar

Ich habe gute Argumente gehört, warum die Ein-Staaten-Lösung nicht funktionieren kann, gefolgt von flammenden Statements für eine Zwei-Staaten-Lösung. Ich habe aber auch gute Argumente gehört, warum diese nicht funktionieren kann, und Israelis und Palästinenser in einem gemeinsamen Staat zurecht kommen müssen. Dass ich in diesem Blogeintrag nicht die Lösung des Nahostkonflikts in die Tasten hauen können würde, wusste ich schon vor sechs Monaten. Daran sind schon zu einfacheren Zeiten größere Köpfe mit besserer Sachkenntnis gescheitert. Aber, eine wichtige Sache, die ich in den letzten sechs Monaten auch gelernt habe: Der Nahostkonflikt ist nicht unlösbar.

Prayer for Peace

Genau. Der Nahostkonflikt ist nicht unlösbar. Die politischen und gesellschaftlichen Fakten legen zwar nahe, dass es noch ewig so weiter gehen kann. Die individuellen Vorstellungen, wie Frieden für das eigene Volk aussehen muss, sind sehr unterschiedlich. Auch zwischen Bet El, Haifa und Beer Scheva; auch zwischen Nablus, Hebron und Ost-Jerusalem. Sie sind in den vergangenen 20 Jahren eher noch weiter voneinander abgedriftet, als der Frieden unter Rabin und Arafat fast zum Greifen nahe schien. In Israel und Palästina wächst die dritte Generation auf, die ihr Land nur im Ausnahmezustand kennt. Mit jeder Generation sitzt der Frust tiefer – aber eben auch der Wille zur Veränderung. Es ist eine Frage des Charismas je einer Leitfigur, zur selben Zeit diesen Willen zu bündeln und den Frust mit frischen Ideen zu großer Energie zu katalysieren. Das klingt nach einem Sechser im Lotto, Gewinnchance 1 : 140 Millionen. Aber Vorsicht: Glücksspiel kann süchtig machen. Und so ist auch dieser Text gewiss nicht der letzte, den ich in meiner journalistischen Laufbahn über Israel und Palästina geschrieben habe.

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