הנדודים – Wanderlust

Der November ist noch einmal richtig schön geworden, und vor der Tür liegen die sanften Hügel Judäas. Wer da nicht wandern geht, ist selber schuld.

Ich wusste über Omar aus meinem Hebräischkurs schon länger, dass er gerne und regelmäßig wandern geht. Also habe ich vor ein paar Tagen gefragt, ob er auch am Samstag eine Tour plant. (Jeden Samstag legt der Shabat Jerusalem eh komplett lahm – aber von Ostjerusalem aus kann man ziemlich gut ins Westjordanland fliehen.) Omar antwortete, er müsse ab dem Nachmittag arbeiten. Aber wenn wir früh losgingen, würde das schon passen. Yalla!

Wadi QeltWir, das bedeutet neben mir (vlnr) Kristen, Jan, Omar, Sephora und Samia.

Wir waren tatsächlich um 6.45 Uhr am verabredeten Treffpunkt kurz hinter dem Checkpoint Qalandia. Wenig später saßen wir in einem Großraumtaxi in Richtung Wadi Qelt. Das gewundene Tal, das ein Bach und die allwinterlichen Springfluten in den Mergel geschliffen haben, beginnt etwa zwanzig Autominuten östlich von Ramallah (direkt von Jerusalem aus dürfte man ähnlich lange unterwegs sein) und zieht sich hinunter bis in die Jordanebene. Omar hatte für die heutige Tour eine Route im westlichen Abschnitt des Tals ausgewählt. Raus aus dem Auto. Bis später. Schiebetür zu. Augen auf Panoramamodus. Judäa ist zu großen Teilen eine unwirtliche Mondlandschaft – aber eine von der Sorte, die die Kinnlade schwer werden lässt. Hügel, so weit das Auge reicht. Vor uns die grüne Oase des Wadi Qelt. Im Osten können wir die Tiefebene des Jordantals erahnen. Dahinter zeichnen sich schemenhaft die Bergketten ab, die es auf jordanischer Seite begrenzen. Wadi Qelt

Rein ins Wadi. Hinter jeder Biegung offenbart sich eine neue Überraschung: Mal ein hasmonäisches Aquädukt, mal ein Beduine auf einem Esel, mal ein Bachlauf, der ein paar Gesteinsterrassen glatt poliert hat. Je tiefer wir kommen, desto höher steht die Sonne. Pulli aus, viel trinken. Den Bachlauf hat man mittlerweile in eine Betoneinfassung gezwängt. Omar führt uns einige Zeit an diesem schmalen Kanal entlang. Er geht mit seinen Wanderfreunden am liebsten „off the beaten track“, etwas tiefer hinein als die Kollegen von Hike Palestine. Wandern, so scheint es mir, ist überhaupt eine große Sache im Westjordanland. Im Sommer wandert Omars Gruppe meistens rund um Ramallah, im Winter eher im Wadi Qelt – hier ist es dann noch wärmer. Manchmal ist der Berghang so locker, dass wir einige hundert Meter auf der Betoneinfassung balancieren müssen. Manchmal ist der Blick um mich herum so spektakulär, dass ich unbedingt ein Foto machen muss.

Wadi Qelt

Wir kommen an natürlichen Höhlen vorbei, an einer Ziegenherde, an einem Kamel. Und dann taucht auf einem Felsvorsprung dieses Kreuz auf. Auf dem nächsten Gipfel steht noch eines. Vom Abhang aus kann man sehen, weshalb jemand die Kreuze aufgestellt hat: In einem Felshang hängt ein Kloster wie ein Schwalbennest. Wir steigen hinab. Ein Junge mit seinem Esel überholt uns auf dem Weg zum Klostertor. Heute leben hier griechisch-orthodoxe Mönche, die Geschichte des Georgsklosters reicht bis ins fünfte Jahrhundert zurück. Omar klopft an die mit Goldfarbe lackierte schwere Metallpforte. Lange passiert nichts, ein paar Versuche später öffnet sich ein niedriges Türchen, das in das Tor eingelassen ist. Erst taucht ein langer brauner Bart auf, das dazugehörige Gesicht sagt, wir dürfen nicht hinein. Dem Mönch gefallen unsere kurzen Hosen nicht.

Wadi Qelt

Omar und Samia leihen Jan und mir ihre langen Hosen, Sephora und Kristen dürfen nacheinander mit einem zum Rock umfunktionierten Tuch hinein. Jetzt ist der Mönch freundlicher, er weist nur mit einigem Nachdruck darauf hin, dass ich der Kirche auf gar keinen Fall fotografieren darf. „Otherwise you’re into real trouble.“ Wenn der Priester mitbekäme, wie jemand fotografiert, wäre die Kamera weg. Angeblich liegen rund um das Kloster einige heruntergeworfene Kameras.

Im übrigen Komplex darf ich dann aber doch ein paar Bilder machen. Das einzige, was ich verpasse, ist ein Glasschrein, in dem etwa 20 menschliche Schädel liegen. Ehemalige Priester des Klosters, erklärt Omar später. Noch etwas schlimmer als den Tod stelle ich mir die Lebenweise vor, die einer der Mönche des Ordens gewählt hat: Seit etwa zehn Jahren haust er in einem Verschlag in der Felswand, oberhalb des Klosters, sagt Omar. Eine Leiter verbindet ihn theoretisch mit der Welt, praktisch ist da nur ein Korb, in dem er sich Lebensmittel hochzieht.

Wadi Qelt

Das ist ein gutes Stichwort: Samia und Omar haben ein fürstliches Picknick vorbereitet. Kurz später sitzen wir geschützt zwischen Bäumen und Felsen in der warmen Novembersonne, hinter uns plätschert der Bach, in unserer Mitte hat Samia ein Tuch ausgebreitet. Darauf liegen Falafel, selbst gefüllte Weinblätter, Oliven, Ziegenkäse, zwei Sorten Hummus, ein paar Sorten Brot, Tomaten, Gurken, … Bei guten Gesprächen geht die Tour so schon fast zu Ende. Dann steigen wir den Berg wieder hinauf und werden ein bisschen von Souvenirverkäufern zugequatscht, bevor uns das Sammeltaxi zurück nach Ramallah bringt.

Alle Fotos © David Ehl. In meinem Album auf Flickr gibt es noch mehr davon.

Wadi Qelt

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