Schottland: Abspaltung und Abrüstung

Im Herbst lehnten die Schotten ihre Unabhängigkeit ab. Ein halbes Jahr später regt sich von neuem die Unabhängigkeitsbewegung. Dabei geht es um Selbstbestimmung, Nationalbewusstsein, die eigene Wirtschaftskraft, aber auch um nukleare Abrüstung auf der ganzen Insel. Das Referendum ist gescheitert – John Ainslie von der Scottish Campaign for Nuclear Disarmament (SCND) hat dennoch neuen Mut gefasst.

Das britische Atom-U-Boot-Programm „Trident“ ist auf zwei Marinebasen nordwestlich von Glasgow stationiert: Auf dem Stützpunkt Faslane im Firth of Clyde liegen vier U-Boote, in der Nachbarbucht in Coulport lagern die dazugehörigen Atomsprengköpfe. Die beiden Basen bilden zusammen die Her Majesty’s Naval Base (HMNB) Clyde. Die SCND kämpft für den Abzug der Atomwaffen von beiden Basen und damit gleichzeitig für die nukleare Abrüstung Großbritanniens.
Ainslie hat sich bereits vor dem Referendum im September 2014 ausführlich mit den Auswirkungen für die beiden Marinebasen beschäftigt. Seiner Einschätzung nach ginge mit dem Austritt Schottlands aus dem Vereinigten Königreich auch die nukleare Abrüstung Großbritanniens einher. Schottland würde den schnellstmöglichen Abzug der britischen Waffen aus dem Firth of Clyde fordern. Ainslie hält für unrealistisch, dass die Briten einen neuen Ort für die Atom-U-Boote fänden:

  • Als in den 1960er Jahren nach geeigneten Orten für die Basen gesucht wurde, fiel die Wahl eindeutig auf den Standort der heutigen HMNB Clyde. Die Zweit- und Drittplatzierten Devonport und Falmouth erfüllen jeweils nicht alle Kriterien. Inseln vor der britischen Küste scheiden aus: der infrastrukturelle Aufwand für die Versorgung der Basis wäre zu hoch. Ainslie sieht demnach keine Möglichkeit für eine Umsiedlung innerhalb Großbritanniens. (Seite 14ff)
  • Auch eine Umsiedlung nach Frankreich oder in die USA wäre möglich. Praktisch scheiden sie aus politischen Erwägungen jedoch aus. (Seite 25ff)
  • Es bestünde die Möglichkeit eines neuen Waffensystems – das hält Ainslie jedoch für sehr unwahrscheinlich, weil es bei höheren Kosten gleichzeitig geringere militärische Schlagkraft mit sich brächte. (Seite 29)

Folglich wäre die nukleare Abrüstung als sehr wahrscheinliche Folge mit der schottischen Unabhängigkeit verknüpft. Der haben 55 Prozent der Schotten zwar gerade erst eine Absage erteilt – schon wieder liegen jedoch in den Umfragen beide Lager gleichauf. Im Februar lag das Yes-Lager sogar um vier Prozent vorne. Im Mai wählt Großbritannien ein neues Unterhaus; die Scottish National Party könnte mit den vereinten Stimmen des Yes-Lagers in den schottischen Wahlkreisen einen Erdrutschsieg davon tragen. Das würde nicht nur die britische Parteienlandschaft verändern, sondern auch die Debatte um die schottische Unabhängigkeit von Neuem entflammen. John Ainslie sagt: „Ein Großteil der medialen Agenda wird in London bestimmt – wenn die SNP also in Westminster stark an Gewicht gewinnt, wird diese politische Geschichte dauerhaft weitergeschrieben.“

Je mehr Aufwind die schottische Unabhängigkeitsbewegung erhält, desto wahrscheinlicher wird auch eine britische nukleare Abrüstung. Und John Ainslie findet neuen Zündstoff bereits im Kalender des nächsten Parlaments:

„Die Entscheidung, die britischen Atomwaffen zu ersetzen, fällt Anfang 2016. Worüber sich weniger Menschen im Klaren sind: Es gibt außerdem eine Entscheidung, einen neuen Atomwaffensprengkopf zu entwickeln – die ist für 2019 angesetzt, also wiederum in der Legislatur des nächsten Parlaments. Die Abgeordneten, die jetzt gewählt haben, entscheiden 2016 darüber, ob vier neue U-Boote gebaut werden – lange vor der Entscheidung, ob eine neue Atomwaffe gebaut werden soll. Sie geben über 20 Milliarden aus, bevor das entschieden wurde.“

Aufmacherbild: „Vanguard at Faslane 04“ (oben und unten beschnitten) von CPOA(Phot) Tam McDonald – Defence Imagery. Lizenziert unter OGL über Wikimedia Commons.

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